Der Orgelbauer Johannes Jahn und sein Schaffen

 

Johannes Jahn, 1868-1933, führte in dritter Generation die Dresdner Orgelbauwerkstatt Jahn in der Josephinenstraße 18 unter der Firmierung J. Jahn & Sohn weiter. Obwohl sein Vater Julius erst 1910 verstarb, ist anzunehmen, dass Johannes bereits vor 1900 begann, entscheidenden Einfluss auf den Orgelbaustil der Firma zu nehmen und de facto die technische und künstlerische Leitung innehatte. Durch die Einführung der pneumatischen Kegelladen um 1900 gelang ihm der Anschluss an den modernen Orgelbau seiner Zeit und ein deutlicher Aufschwung der Firma. 1904 erhielt er den Titel Königlich Sächsischer Hoforgelbauer. Spätromantische Klangfarben hielten verstärkt Einzug mit einer großen dynamischen und farblichen Bandbreite, zahlreiche technische Spielhilfen ermöglichten deren rasche Nutzung während des Spiels. 1909 wendete er erstmals elektrische Trakturen und ein Fernwerk für seine Versöhnungskirchenorgel an. Eine Besonderheit ist die Entwicklung einer lochkartengebundenen 20fachen freien Kombinationsanlage 1911/12. Experimentierfreude scheint ihm eigen gewesen zu sein, wie der Bau einer Orgel mit Porzellanpfeifen 1899 beweist. Nach dem Tode R. Kreutzbachs 1903 gehörte Jahn neben Gebr. Jehmlich in Dresden, Eule in Bautzen und Schuster in Zittau zu den vier führenden sächsischen Orgelbaufirmen. Dennoch blieb seine Produktion quantitativ weit hinter dem Schaffen seiner Dresdner Konkurrenten Gebr. Jehmlich zurück, die den weitaus größten Teil der großen Orgelneubauaufträge ab 1900 erhielten. In erheblichem Umfang beschäftigte sich Jahn daher mit Umbauten und Reparaturen, darunter so bedeutenden wie den Orgelerweiterungen in der Dresdner Frauenkirche (1912), der Leipziger Universitätskirche (1915, mit 92 Registern größtes Werk der Firma) und in Seifhennersdorf (1925). So war es für Jahn ein Erfolg, 1908/09 in Dresden gleich zwei dreimanualige Orgeln mit je 50 Registern bauen zu können: in der Annenkirche und in der Versöhnungskirche. Sie sind seine größten Neubauten.

 

Die Folgen des ersten Weltkrieges führten zum Auftragsrückgang und zur Zunahme kleinerer Arbeiten wie dem Ersatz im Krieg ausgebauter Orgelprospektpfeifen in Zink. 90 Orgeln soll Johannes Jahn gebaut haben - eine Zählung, die zweifellos auch größere Umbauten erfasst, denn für den Zeitraum 1900-1933 sind heute nur reichlich 40 Neubauten nachweisbar. Neben Kirchenorgeln in Sachsen schuf Jahn ab 1894 auch Instrumente für evangelische Kirchen in Nordböhmen und Wien, Seminar- und Hausorgeln und sogar Harmoniums. Die Tendenzen der neobarock ausgerichteten deutschen Orgelbewegung ab 1925 hat Jahn nur noch ansatzweise für sich genutzt. Das ab 1930 aufkommende Unverständnis für spätromantische Orgelklangfarben, aber auch Kriegszerstörungen und die oftmals beengte, dadurch wenig wartungsfreundliche Bauweise seiner Orgeln führten dazu, dass heute ein Großteil des Schaffens von Johannes Jahn nicht mehr oder nur stark verändert existiert. Die großen Instrumente der Dresdner Annen- und Versöhnungskirche sind heute erheblich umgebaut. Besonders die Versöhnungskirchenorgel präsentiert sich in einer klanglich völlig andersartigen, am barocken Orgelideal ausgerichteten Gestalt, die ihr 1938/1939 der seinerzeit richtungsweisende Intonateur Fritz Abend von der Bautzner Firma Eule gab. Somit ist heute in Sachsen kein größeres repräsentatives Werk von Johannes Jahn mehr in seiner ursprünglichen Form vorhanden. lm Kontext zu den erhaltenen bzw. restaurierten Orgeln der führenden spätromantischen Orgelbauer in Sachsen ist die Wiederherstellung einer großen Johannes-Jahn-Orgel lohnenswert.

 

Jiri Kocourek