Geschichte der Orgel und die geplante Wiedergeburt




Originalansicht der Orgel in der Versöhnungskirche, Zeichnung der Architekten Rumpel & Krutzsch, 1905

Das architektonisch und städtebaulich bedeutsame Ensemble der Versöhnungskirche und der dazugehörigen Gebäude, erbaut 1905 bis 1909, ist vom zeittypischen Jugendstil geprägt. Die Architekten Gustav Rumpel und Arthur Krutzsch berücksichtigten die Kirchenmusik als wesentlichen Teil des Gemeindelebens. Auch für Konzerte bietet der großzügig gestaltete Kirchenraum mit seiner vorteilhaften Akustik, seiner geräumigen Musikempore und den sichtgünstigen Seitenemporen sehr gute Bedingungen. Für die Orgel fanden die Architekten eine ungewöhnliche und technisch progressive Lösung. Eine Orgel mit drei Manualen und Pedal wurde so eingeordnet, dass das Pfeifenwerk des dritten Manuals in einem Verbindungsraum zum benachbarten Gemeindehaus Platz fand. Dieses Teilwerk erhielt auf der Bühne des großen Saals einen eigenen Spieltisch mit zwei Manualen und Pedal. Die Schallöffnungen zur Kirche und zum Saal waren mit Schwelljalousien versehen, so dass sich die Klangstärke stufenlos regeln ließ. Somit besaß die Hauptorgel der Kirche ein schwellbares Fernwerk, während mit dem gleichen Pfeifenbestand ein selbständiges Orgelwerk im Saal verfügbar war. Die Hauptorgel hatte eine pneumatische Traktur, das dritte Manual und die Doppelspielanlage im Gemeindehaus-Saal wurden elektro-pneumatisch gesteuert.




Spieltisch der Jahn-Orgel, 2004

Für den Orgelbau holte die Gemeinde Kostenvoranschläge von den Firmen Hermann Eule/Bautzen, Julius Jahn & Sohn/Dresden und Gebrüder Jehmlich/Dresden ein. Da sich die Angebote ähnelten und die drei Firmen annähernd gleiches Leistungsniveau aufwiesen, entschied sich die Gemeinde für das preisgünstigste Angebot der Firma Jahn mit 50 Registern. Die 1909 vollendete Orgel erhielt hohes Lob im Gutachten von Hoforganist Otto Zocher. Nach seinen Worten besaß die Orgel "einen edlen, einheitlichen, von vollem und runden Grundton getragenen und durchdringenden Klang, doch ohne jede aufdringliche Schärfe" - charakteristisch für damalige Instrumente der Firma Jahn. 1939 wurde die Orgel nach den Grundsätzen des neobarocken Orgelbaus durch die Firma Eule aus Bautzen grundlegend umgebaut. Sie bekam durchweg elektro-pneumatische Traktur und eine teiltonreiche, auf 43 Register reduzierte Disposition. Das Fernwerk und damit die Saalorgel wurden aufgegeben. Das Ergebnis dieses Umbaus war aus heutiger Sicht eine Kompromissorgel, in der aus Ersparnisgründen heterogene Klangelemente zusammengefügt waren. Während der zurückliegenden 6 1/2 Jahrzehnte trat trotz zahlreicher Reparaturen ein erheblicher technischer Verschleiß ein. Die hohe Bedeutung der Versöhnungskirche für die Dresdner Kirchenmusik und die zusätzliche Rolle ihrer Orgeln bei der Ausbildung an der Hochschule für Kirchenmusik erfordern dringend eine dauerhafte Wiederherstellung der Hauptorgel. Geplant ist die konsequente Rückführung auf den Bauzustand von 1909, die sich in die bereits fortgeschrittene denkmalpflegerische Rekonstruktion des gesamten Bau-Ensembles sinnvoll einordnet. Damit erhält die Gemeinde wieder ein intaktes Instrument mit der notwendigen klanglichen und technischen Qualität. Zugleich wird ein wertvolles Klangdenkmal des spätromantischen Orgelbaus zurückgewonnen - eine wesentliche Bereicherung für das Musikleben der Stadt Dresden!


Prof. Dr. Frank-Harald Greß